Im finalen Teil der Reihe „Der Amateurfußball und seine Herausforderungen“ beschäftigen wir uns heute mit dem Thema Gewalt – auf und neben dem Fußballplatz. Viele Amateurspiele müssen vermehrt wegen Diskriminierungen und Gewalt gegenüber Spielern, Fans und Schiedsrichtern abgebrochen werden. Immer öfter werden Kicker über Monate gesperrt. Die Referees haben es nicht leicht. „Freunde hat man auf dem Platz als Schiedsrichter keine“, sagt ein junger Spielleiter im Gespräch mit KICK.TV. Wir schauen genauer auf die Ursachen für Gewalttaten in unserem geliebten Amateursport und inwiefern der DFB versucht, diese Entwicklung zu stoppen. Denn Gewalt und Diskriminierung haben auf dem Fußballplatz nichts verloren!

Schlägereien, Beleidigungen und Becherwürfe – Dafür sollte kein Platz sein

Es war der Aufreger der letzten Bundesligawochen! Endlich dürfen wieder mehr Fans ins Stadion und dann das: Ein Bochumer Fan wirft aus Frust seinen Becher in Richtung Spielfeld und trifft Schiedsrichterassistent Christian Gittelmann am Hinterkopf. Das Spiel wird sofort unterbrochen und letzten Endes dann auch abgebrochen! Leider war dies nicht der erste Vorfall dieser Art im Profifußball. Und auch im Amateurfußball ist Gewalt auf und neben dem Platz längst keine Seltenheit mehr. Dabei geht es um Ausschreitungen gegenüber Schiedsrichtern, Rudelbildungen und Beleidigungen zwischen Spielern und Betreuern. Auch die Fans werden zunehmend lauter und aggressiver. Um die Umstände und Hintergründe besser einordnen zu können, sprechen wir unter anderem mit einem jungen Schiedsrichter über die Probleme auf den deutschen Amateurplätzen.

Herrscht überhaupt ein Gewaltproblem – oder etwa doch nicht?

Der DFB gibt an, dass einzig 0,05% der jährlich knapp 1,5 Millionen stattfindenden Amateurspiele abgebrochen werden müssen. Also jedes 2000. Spiel. Damit scheint rein statistisch kein akutes Problem erkennbar. Trotzdem sei „jeder einzelne Fall zu viel“, gibt der DFB auf seiner Website an. Es herrscht also ein Gewaltproblem. Zwar keins mit einem riesigen Ausmaß, und doch eines, welches sich langsam aber stetig immer weiter ausbreitet. Insgesamt meldeten Schiedsrichter auf Amateurplätzen in der letzten regulären Spielzeit 18/19 (in den folgenden Saisons war Corona bereits ein Störfaktor) fast 10.000 Spiele, die Gewalt- oder Diskriminierungsfälle beinhalteten.

Genau jene Protagonisten sind auch die, die am meisten mit den Ausschreitungen konfrontiert werden. Laut DFB, seien die Opfer von Gewalt auf Amateurplätzen in 39,6% der Fälle die Spielleiter. Einzig die Kicker selbst (49,7%) sind öfter betroffen. Aus all den Zahlen folgert der DFB: „Der Fußball hat kein Gewaltproblem, sehr wohl aber gefährden Gewaltvorfälle den Fußball.“

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Oft lassen junge Fans ihre Wut während oder nach Fußballspielen rau

Mehr als jeder dritte Schiri sieht sich in Gefahr

Schaut man auf die Auslöser für Gewaltvorfälle, sind Schiedsrichterentscheidungen mit deutlichem Abstand die häufigsten. Es sind nun mal die Entscheidungen, die ein Spiel prägen, Elfmeter oder nicht, rote Karte oder nicht, Abseits oder nicht. All diese Entscheidungen müssen Schiedsrichter im Amateurbereich binnen Sekunden treffen. Meist sind sie sogar alleine auf den Plätzen, ohne Linienrichter, ohne Unterstützung. An dieser Stelle schwindet oftmals der Respekt gegenüber den Offiziellen. Spieler diskutieren, Trainer brüllen von draußen rein und oftmals kommt es zu Rudelbildungen rund um den Spielleiter. Zusätzlich sind Schiedsrichter in vielen Fällen jünger als der Altersdurchschnitt der Spieler auf dem Platz. Erfahrene Kicker lassen sich ungern von jüngeren zurechtweisen und verlieren schnell den Respekt. Laut einer 2019 vom DFB durchgeführten Studie zum Thema Gewalt auf dem Amateurfußballplatz, sehen sich in 38,4% der Spiele Schiedsrichter selbst in Gefahr!

Nicht immer liegt es an dem Pfiff des Schiedsrichters

Abseits der Schiedsrichterentscheidungen gibt es noch weitere Auslöser für Gewaltdelikte. Laut DFB-Studie spielt rohe Gewalt oder das „gefährliche Spiel“ in 26,1% der Spielabbrüche eine Rolle. Es sei in diesen Fällen zuvor eine Diskussion über die Härte eines Fouls ausgetragen worden. Viele Amateure haben andere Auffassungen, worum es in ihrem Fußballspiel geht. Für die einen geht es um den Spaß am Sport und darum, dass alle unbeschadet und zufrieden den Platz verlassen. Anderer Kicker wollen unbedingt den Sieg, sich selbst beweisen und übersteuern in manchen Fällen. Harte Grätschen zählen für manche Spieler zum normalen Repertoire.

Versuchen Vereine nun, selbständig das Problem der übergreifenden Gewalt zu lösen, dann scheitern sie an den Regularien des DFB. Sie müssen sich entweder für den sportlichen Erfolg oder für die eigenen Prinzipien entscheiden.

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Oft können sich auch die Trainer nicht zurückhalten

Schockierender Präzedenzfall im Ruhrgebiet

Im Jahr 2015 beispielsweise stand der Kreisligist BV Altenessen II bei 20 Siegen aus 22 Spielen – meisterlich! Doch die Hintergründe waren erschreckend. Die Konkurrenten entschieden sich nämlich gemeinsam dazu, sämtliche Spiele gegen den BVA zu boykottieren. Auslöser waren Beleidigungen, Bedrohungen und Beschimpfungen auf und neben dem Feld, die in einem tragischen Höhepunkt mündeten. Ein BVA-Spieler wurde nach einem Ausraster gegenüber des Schiedsrichters lebenslang gesperrt, nachdem er ihn zu Boden gerissen und auf ihn eingeschlagen habe. Der Grund war dabei lediglich eine Gelb-Rote Karte.

Die Liga war schockiert, die Vereine schrieben einen gemeinsamen Brief an den DFB und boykottierten künftig alle Spiele gegen Altenessen. Doch aufgrund der Regeln des DFB wurden somit alle Spiele mit drei Punkten für den BVA gewertet. So können sich die Mannschaften kaum wehren und müssen dann sportlichen Misserfolg akzeptieren, um gegen Gewalt vorzuschreiten. Am Ende der Saison standen drei lebenslange Sperren und ein 18-monatiger Spielausschluss für einzelne Spieler als traurige Bilanz fest.

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Oft leiden die friedlichen Fans unter dem Ruf, den die Minderheit erschaffen hat

Ohne Schiris kein Amateurfußball!

Doch welche konkreten Probleme treten aufgrund der vielfachen körperlichen Gewalt im Amateurfußball auf? Naja, zum einen müssen Vereine so auf gesperrte Spieler verzichten und werden auch wenige neue gewinnen, wenn der Ruf dauerhaft geschädigt ist. Zum anderen sollte gewalttätiges Auftreten auf dem Fußballplatz nicht die Entwicklung junger Spieler begleiten. Gewalt ist nie eine Lösung und führt nur zu Schmerz und dazu, dass der Spaß am Spiel weggenommen wird. Darüber hinaus werden mehr und mehr Schiedsrichter vermeiden, bei gewissen Vereinen Spiele anzunehmen. Der ohnehin schon schwierige Stand der Schiedsrichter wird so noch eklatanter. Durch Anfeindungen werden anstrebende Spielleiter zudem davon abgehalten, eine dauerhafte Karriere anzustreben.

„Freunde hat man keine auf dem Platz“

Leonhard Welp, 19-jähriger Schiedsrichter aus Hessen, der bis hoch zur Kreisoberliga (8.Liga) pfeift, sagt: „Es ist schlimmer als in der Bundesliga!“ Dabei spricht er vor allem von den unteren Ligen, denn je höher die Liga, „desto zivilisierter“ laufe es ab. Laut Welp sei dabei trotzdem auch die Bundesliga in der Verantwortung, in der viel Diskussion und auch Lautstärke gegenüber Schiedsrichtern herrsche. Das nehmen sich dann junge Amateure zum Vorbild. „Meckertrauben“ und das „Ball weg schießen“ seien Dinge, die man in der Bundesliga sehe und dann in sein Spiel mit aufnimmt.

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Oft sind Platzverweise der Auslöser für Rudelbildungen und Gewaltausbrüche

„Es macht einen riesen Unterschied, ob man alleine ist oder im Gespann“, führt der junge Schiedsrichter weiter aus. „Freunde hat man nämlich sonst keine auf dem Platz!“ Welp, der seit vielen Jahren schon im Schiedsrichtergeschäft tätig ist und sich Jahr für Jahr in höhere Ligen gearbeitet hat, blendet viele Beschimpfungen von Fans mittlerweile aus. „Das ist schon kein guter Ton!“ sagt er weiter, doch er achtet einfach kaum noch darauf, da es „nicht relevant für mich ist“. Auf die Frage, ob es Spiele gebe, die er lieber nicht pfeifen wolle, antwortet er mit „Jein“. Manche Vereine seien in Schiedsrichterkreisen bekannt und ungeliebt, auch gewisse Spiele (Derbys, Titelkämpfe oder Abstiegsduelle) sind prinzipiell „unruhiger“. Doch für ihn gehört mittlerweile eine gute Vorbereitung auf dem Plan. „Man schaut sich schon die Fairness-Tabellen an und zieht die Zügel etwas enger, wenn der Letzte gegen den Vorletzten dieser Tabelle spielt!“

„Sei froh wenn du heil nach Hause kommst“

Zitate wie diese, seien für Welp ein absolutes Unding. Nach dem Spiel „bin ich Privatperson und möchte damit nichts zu tun haben“. Er mache schließlich nur seinen Job. Viele verstünden nicht, dass auch ein Schiedsrichter Fehler macht und sich auch im Nachhinein Gedanken macht, ob diese oder jene Entscheidung richtig gewesen sei. Aber den Menschen hinter dem Schiedsrichter zu beleidigen oder zu bedrohen ist eine Grenze, die auf keinen Fall überschritten werden sollte! Insgesamt sei es Welps Hobby als Schiedsrichter aktiv zu sein, so wie auch die meisten Fußballer hobbymäßig kicken. Gerade dann möchte man sich keine Kommentare „unter der Gürtellinie anhören müssen!“

Auch Diskriminierungen werden nicht weniger

Neben der hauptsächlich körperlichen Gewalt gegenüber Spielern und Schiedsrichtern, gibt es auf den deutschen Amateurplätzen auch das Problem der Diskriminierung einzelner Spieler oder ethnischer Volksgruppen. Viele gesellschaftliche Probleme werden auf dem Platz reflektiert und Diskussionen dort ausgetragen. Dass der Fußball ein Rassismus-Problem hat, ist kaum zu übersehen, die Werbe-Spots der UEFA unter dem Motto „No to Racism – Respect“ sind weltbekannt. Und auch in kleinen Vereinen und Dörfern werden Spieler aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Herkunft ausgeschlossen und beleidigt. Vielerorts kommt es zu rassistischen Beleidigungen und beispielsweise Affenlauten auf und neben dem Feld.

Die Lösung für die Opfer dieser Diskriminierung ist immer öfter der Wechsel zu einem anderen Verein. In vielen Regionen entstehen mehr und mehr Vereine, die sich als „internationale“ Variante für Spieler mit anderer Herkunft anbieten. In Mannschaften, die von deutschen Spielern geprägt sind, ist traurigerweise manchmal kein Platz für den neuen Spieler aus einer anderen Nation. Und das scheint so unglaublich, da man besonders den Sport immer als Bindeglied der Nationen und Menschen ansieht, welches er auch sein sollte! Der Fußball muss im Vordergrund stehen und nicht die Herkunft, Religion oder die Hautfarbe! Dieses Problem dauerhaft aus der Welt schaffen zu können, wird aber noch ein langer Weg sein. Jeder von uns muss weiter an die appellieren, die noch Unterschiede zwischen Menschen aufgrund ihrer Herkunft machen. Anfangen können wir dabei auf dem heimischen Ascheplatz!

Was machen die Verantwortlichen – Bausteine des DFB

Gewaltausbrüche jeglicher Art zu verhindern kann nicht länger nur die Aufgabe von einzelnen Vereinen sein, sondern muss vom DFB und seinen Landesverbänden bekämpft werden.

Der DFB hat dafür ein Konzept mit drei Grundbausteinen ins Leben gerufen. Baustein eins ist die Prävention. Gewaltprävention und das Fair Play müssen mehr gefördert werden. Als zweiten Baustein soll die Gewalt früh erkannt werden, man wolle früh entgegenwirken. Als dritten und letzten Baustein sieht der DFB die Bearbeitung von Gewaltvorfällen. Sollte ein Delikt trotz der ersten beiden Bausteine nicht verhindert worden sein, müsse er ordnungsgemäß bestraft werden. Insgesamt wolle man versuchen gezielter und nicht pauschal gegen Gewaltvorfälle vorzugehen. Oftmals werden ganze Vereine bestraft, obwohl nur einzelne Protagonisten gewalttätig wurden.

Auch die Diskriminierungsvorfälle versucht der DFB hartnäckig zu bekämpfen. Mit dem Präventionsprojekt „Am Ball bleiben – Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung“, welches in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung entstanden ist, will sich der Bund in Zukunft klarer und mutiger gegen „Unruhestifter und Störer“ stellen. Beim Fußball gehe es um Wettbewerb, Spaß und Fairness, wer darüber hinaus rassistische Aussagen trifft und randaliert, der habe „den Pfiff nicht gehört“, so die damalige Familienministerin von der Leyen. Der DFB möchte auch in Zukunft mit diesem Projekt das kulturelle Miteinander durch den Fußball fördern und schützen. Der Sport soll ein Ort des Austauschs und der Integration sein!

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Unter dem Motto „No to Racism“ stehen Spieler gemeinsam gegen Rassismus und Diskriminierung ein.

Die Herausforderungen im Amateurfußball – Die schönste Nebensache der Welt muss es auch bleiben

Mit diesem abschließenden Artikel über die Gewalt auf und neben den deutschen Amateurplätzen, endet die Reihe „Der Amateurfußball und seine Herausforderungen“. In den letzten Wochen haben wir versucht, die vier konkreten Themen Ehrenamt, Bezahlung, Nachwuchsförderung und nun Gewalt detailliert zu untersuchen. Um den Amateurfußball in seinem Glanz und seiner Art aufrecht zu erhalten, müssen diese Bereiche in Zukunft weiterhin im Fokus stehen. Denn wer von uns möchte auf den Sport verzichten, den wir alle so lieben? Vermutlich keiner. Der Amateurfußball sollte auch weiterhin die schönste Nebensache der Welt sein und uns allen Spaß und Freude bereiten. Nichts anderes!

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